O ja, es gibt solche Tage: innere Düsternis umfängt mich, und meine Gefühle ziehen mir den Boden unter den Füßen fort. Doch es gibt etwas, das meinen Blick aufhellt und mir gleichzeitig wieder Halt gibt, mich sogar auf dem Boden der ungeliebten Tatsachen tanzen lässt: Lemon Jelly, eine Droge, die auf kürzestem Weg ins umwölkte Gehirn dringt und alle die Boten aussendet, die mein Herz nun plötzlich unbeschwert schlagen lassen.
Meine Dealer heißen Fred Deakin und Nick Franglen. Ihre Namen darf ich öffentlich machen, ohne mich oder sie zu gefährden. Denn sie dealen mit Musik. Musik ist meine Lieblingsdroge. Fred Deakin und Nick Franglen sind Lemon Jelly.
Die Welt von Lemon Jelly ist bunt. So ist ihre Musik, und so sind die dazu produzierten Videos. Lemon Jelly gelten als Electronica – Duo. Ihre Musik ist elektronisch, doch sie ist mehr. Sie ist zusammengebastelt aus den Versatzstücken von Kinderliedern und Discorhythmen, aus Popsongs und Geräuschen, aus Jazzklängen und Sprachfetzen. Lemon Jellys Musik ist äußerst einfach und unglaublich komplex. Ein typisches Beispiel ist der Song “Nice weather for ducks”.
Das erste Album wurde Lemonjelly.ky betitelt (ky als Kürzel für die Cayman Islands, auf denen ihre Website beheimatet ist) und erschien im Oktober 2000. Die Fangemeinde wuchs rasant. Selbst die seriöse Times schrieb begeistert von der Musik “playing in the cocktail bar at the end of the universe”. 2002 wurde das Album Lost Horizons veröffentlicht, mit einer wunderschönen, an die 60er Jahre erinnernden Verpackung. Dabei war die CD keineswegs rückwärts gewandt, vielmehr überaus innovativ in der Verbindung der unterschiedlichsten Stilrichtungen. Einer der schönsten Titel daraus ist der Ambient-Song “Spacewalk”, absolut ein Kind seiner Zeit. (Leider gibt das folgende Video den Song nicht komplett wieder, der insgesamt fast 10 Minuten dauert.)
Das dritte Album war dann im Januar 2005 auf dem Markt. In Anspielung auf die riesige Plattensammlung aus den Jahren 1964 bis 1995, die Franglen und Deakin für die Suche nach Soundfiles ausschlachteten, wurde es kurz und prägnant ‘64-’95 genannt. Selbst Anleihen bei Punk und Metal wurden für einzelne Songs gemacht. “The Shouty Track” zeigt diese anderen, weniger leicht-verspielten Lemon Jelly.
Für mich ist diese CD nicht nur der bisherige Höhepunkt im musikalischen Werk von Lemon Jelly, sondern das beste Electronica-Album überhaupt. Dieser Stil-Mix ist in seiner Vielfalt, seiner Geschmackssicherheit und seinem Unterhaltungswert nicht zu übertreffen.
Seither wurde das Publikum leider nur mit einer 7-inch-Single beglückt: “Soft” ist eine genialische Bearbeitung des Chicago-Songs “If you leave me now” aus dem Jahr 1976, die dem Original seine ursprünglichen Qualitäten gelassen hat und dennoch einen völligen eigenen Sound hinzufügt. (Das Video kürzt “Soft” bedauerlicherweise stark.)
Jetzt schreiben wir das Jahr Zweitausendundacht – und ich warte dringend auf eine neue Lieferung meiner Droge Lemon Jelly.






