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Zug um Zug

Eine rasante Entwicklung bei der Deutschen Bahn, zumindest in der Aufdeckung des Datenskandals. Von 43 zugegebenen Überprüfungsfällen im Juni 2008 über rund 1000 geschätzte Aufträge (STERN) im Januar 2009 auf nunmehr erst 173000 und mittlerweile 220000 Mitarbeiterüberprüfungen: das soll der Bahn erst mal jemand nachmachen. Selbst die Postler sind damit weit abgeschlagen.

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Nur Zug um Zug gibt Bahn-Chef Mehdorn zu, was nicht mehr zu leugnen ist. Und nur Zug um Zug entwickelt sich bei ihm die Erkenntnis von skandalösem Fehlverhalten.

Doch wenn es um die Deutsche Bahn geht, ist immer mit Verspätungen zu rechnen. Wann Mehdorn denn nun im Zielbahnhof (letzter Halt: Ablösung) eintrifft, das steht bislang in keinem Fahrplan.

Sind wir noch Papst ?

Tausende, die 2005 in gemeinsamen nationalen Jubel “Wir sind Papst!” ausbrachen, nehmen heute Abstand von dieser Identifikation. Papst Benedikt XVI. wird in Deutschland – wie überall – nicht nur als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, sondern als deutsches Oberhaupt der größten religiösen Gruppe der Welt gesehen.

Dass Benedikt XVI. trotz aller Versuche, die unterschiedlichen Strömungen der Kirche zu einen, mit seinen rechts-populistischen Entscheidungen stattdessen einen groben Keil in die Glaubensgemeinschaft treibt, enttäuscht seine Anhänger. Überdies wird riskiert, neu geschaffenes Vertrauen nicht nur zu verspielen, sondern Mißtrauen zu säen, wie es gegenüber dem Vatikan schon lange nicht mehr bestand.

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Foto: Melanie Vollmert, pixelio.de

Weltweit darf mit Argwohn betrachtet werden, dass ausgerechnet ein deutscher Papst einen Holocaust-Leugner wieder zurück in den Schoß der Kirche holt. Die Aufforderung an den rechtsradikalen Bischof Willamson, seine skandalösen Äußerungen zu widerrufen, ist naiv: Schließlich war seine im Interview gefallene Aussage über seinen Zweifel am Holocaust kein einmaliger Ausrutscher, sondern spiegelt Williamsons klare Überzeugung.

Es ist an der Zeit, die katholische Kirche und ihre Führung zu modernisieren. Wenngleich sich Benedikt XVI. auch weltoffen zeigt, so sind seine Handlungen doch mitunter recht weltfremd.

Foto des Tages

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© Gabriel FM

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Das Museum Folkwang widmet dem britischen Fotografen Paul Graham (geb. 1956) die erste Retrospektive in Deutschland mit 11 großen, seit 1981 entstandenen Werkkomplexen. Die Ausstellung zeigt mit etwa 145 Bildern eine repräsentative Auswahl seiner Arbeit. Graham steht in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie, die in England nach dem 2. Weltkrieg durch Bill Brandt geprägt und von Fotografen wie Chris Killip und John Davis weitergeführt wurde. In der Auseinandersetzung mit ihnen und mit der amerikanischen Fotografie der 60er und 70er Jahre entwickelte Graham ein innovatives, künstlerisches Werk, dessen Blick kompromisslos auf die soziale Wirklichkeit gerichtet ist.

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Paul Graham

Fotografien 1981-2006

24. Januar - 5. April 2009

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Foto des Tages

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heitere Luftballone in Hangzhou/China

© bosabosa

Barack Obama ist der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich wünsche ihm die Kraft, die Weisheit und die Entscheidungssicherheit, die notwendig ist, die Probleme Amerikas und die durch amerikanische Politik verursachten weltweiten Krisen lösen oder zumindest lindern zu können, das Vertrauen in die USA wieder herstellen zu können, und die übergroßen Hoffnungen, die in ihn gesetzt sind, erfüllen zu können.

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Bébel est de retour

Ein großer Mann des französischen Kino kehrt auf die Leinwand zurück: Jean-Paul Belmondo, ehemals gefeierter Action-Held und erfolgreicher Komödiant, ist nach langer Zwangspause wieder in einem Film zu sehen.

Bébel, wie der Schauspieler von den Franzosen liebevoll genannt wird, mittlerweile 75jährig, erlitt 2001 einen Schlaganfall, von dem er sich relativ zügig erholte, der ihn aber dazu zwang, das Sprechen und das Gehen neu zu erlernen. In “Un homme et son chien – Ein Mann und sein Hund” mimt er Charles, einen alten Herrn, der alles verlor – außer seinem geliebten Hund – und der nun auf der Straße liegt.

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Belmondo in diesem Film zu beobachten stimmt einerseits traurig, betrachtet man den Schauspieler und nicht dessen Figur, weil der körperliche Verfall nur allzu deutlich wird. Andererseits darf sich der unvoreingenommene Zuschauer freuen über einen weiterhin glänzenden Darsteller, der seine altersgemäßen Gebrechen nicht zu vertuschen versucht und dem Obdachlosen seine ganz persönliche Note gibt.belmondoplakat

Bébels Landsleute allerdings scheinen der Rückkehr ihres Helden recht gleichgültig gegenüber zu stehen. Nur wenige Zuschauer verloren sich am 14. Januar, dem Premieren-Tag, in den Filmtheatern. Dabei lohnt es nicht nur aus nostalgischen Gründen, sich das Wiedersehen mit der Kinolegende nicht entgehen zu lassen.

Mehr dazu:

Filmtrailer

Filmausschnitt 1

Filmausschnitt 2

Filmausschnitt 3

Interview (Michel Drucker)

Irrweg bei der Bahn

Weil sich immer häufiger in Warteschlangen festhängende Bahnkunden über den Zeitverlust beim Ticketkauf verärgert zeigen, greift das Unternehmen zu einer amts-entlehnten Abhilfemaßnahme: in 31 großen Reisezentren der deutschen Bahnhöfe sollen die Fahrgäste künftig Nummern ziehen, um dann über Bildschirme an freie Schalter dirigiert zu werden. Dieses System wurde seit April 2008 in Ingolstadt getestet und wurde wohl positiv beurteilt. Dadurch soll die Abwicklung des Fahrkartenkaufs beschleunigt werden.db

Doch damit wird den wahren Quellen für den Käuferstau nicht auf den Grund gegangen. Ursache für die langen Wartezeiten ist nicht eine Verzögerung beim Auffinden des freigewordenen Schalters. Vielmehr gibt es ein ganzes Bündel von Gründen für die langen Fahrgast-Reihen:
•  Immer mehr Orte haben keinen durch Personal betreuten Fahrschein-Verkauf: Schalter oder sogar ganze Bahnstationen wurden geschlossen; den Reisebüros wurde der Tickethandel vergällt.
•  Ersatzweise wurden Verkaufsautomaten aufgestellt, die aber a) für Gelegenheitsreisende oft nur schwer bedienbar sind und b) zu häufig ausfallen.
•  Die Tarifstruktur der Bahn ist so schwer durchschaubar, dass bei komplizierteren Fahrtstrecken oder in Sonderfällen ein Kauf über Automaten problematisch ist.
•  Gleichzeitig führt der Tarifdschungel zu erhöhtem Beratungsbedarf (und Zeitaufwand) beim Schalterkauf, weil sich Kunden und Personal durch das Konditionsdickicht kämpfen.
Abhilfe in den Reisezentren schafft nur eine Rückbesinnung auf ein kundenorientiertes Preissystem und eine ausreichende Anzahl von Kartenverkaufsstellen mit gut geschultem Personal. Mit einer Amtsstuben-Ausstattung der Reisezentren ist es nicht getan.

Wieder da

La Cage aux folles lag lange brach. Aufgrund persönlicher und beruflicher Überlastung musste das Bloggen hintenan stehen. Ab heute soll es regelmäßig neue Inhalte geben. Ich hoffe, ich halte mein mir gegebenes Versprechen.
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Die Bürgerrechtsorganisation ACLU sowie Human Rights Watch schlagen Alarm: an US-Schulen wurden im Schuljahr 2006/2007 mehr als 200.000 Schüler mit dem Stock geschlagen. In 21 Bundesstaaten ist die körperliche Züchtigung gesetzlich erlaubt. Besonders häufig sind die Schläge im Süden der USA; dort ist der Anteil der afroamerikanischen Schüler, die bestraft worden sind, 1,4 mal so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtschülerschaft.

In den US-Bundesstaaten Texas und Mississippi würden Schüler zwischen 3 und 19 Jahren regelmäßig für kleine Ungezogenheiten wie Kaugummikauen im Unterricht, Widerrede gegen Lehrer oder die Verletzung der Kleidungsvorschriften mit körperlicher Züchtigung bestraft, kritisierten die Organisationen.

Dies wurde anlässlich der Veröffentlichung der Studie “Eine gewalttätige Erziehung:Prügelstrafe an öffentlichen Schulen der USA” mitgeteilt.

mehr dazu : taz.de

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Niemals pflanzt die Rute Kindern ein das Gute:

Wer zu Ehren kommen mag, dem gilt Wort soviel als Schlag.

von Walther von der Vogelweide
(um 1170 – um 1230)

Weder von einer katholischen italienischen Zeitschrift noch vom Papst wird jemand behaupten wollen, sie seien linker oder zumindest liberaler Umtriebe verdächtig.

Doch nach dem Wochenmagazin Famiglia Cristiana legt nun auch Papst Benedikt XVI. die Finger in eine schwärende Wunde: Berlusconi fördert durch Worte und Taten offen Ressentiments gegenüber Ausländern, Armen und Minderheiten.

Berlusconi plant, Sinti- und Roma-Kindern Fingerabdrücke zu nehmen (Famiglia Cristiana geißelt dies zurecht als Verletzung der Menschenwürde) und Soldaten zur Unterstützung der Polizei in den Städten einzusetzen (Famiglia Cristiana: “nutzlose Spielchen”).

Am vergangenen Sonntag nun wandte der Papst sich entschieden gegen den wieder erstarkten Rassismus, der oft soziale oder wirtschaftliche Ursachen habe. Diese aber rechtfertigten “niemals eine rassistische Missachtung oder Diskriminierung”.

Die italienische Bevölkerung wird diesen Teil des sonntäglichen Angelusgebetes hoffentlich wahrgenommen haben. Von Berlusconi ist diesbezüglich wenig zu erwarten.

Eine seltene Ehrung wird dem Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel zuteil: Er erhält den Erich-Kästner-Preis für Literatur 2009. Gewürdigt wird damit ein Autor, “dessen zahlreiche kinder- und jugendliterarischen Bücher ebenso wie sein schriftstellerischer Werdegang deutliche Affinität zu Erich Kästners Werk aufweist”.

Steinhöfel, Jahrgang 1962, wuchs im oberhessischen Biedenkopf auf, und obwohl er eigentlich Lehrer werden wollte, studierte er später in Marburg Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Inzwischen arbeitet er als Übersetzer, schreibt Drehbücher für Fernsehen und Rundfunk, redigiert Comics und rezensiert Jugendliteratur für die FAZ und DIE ZEIT.

Bereits während seines Examens erschien sein erstes Jugendbuch “Dirk und ich”. Der nach “Paul Vier und die Schröders” (1992) entstandene Spielfilm war 1995 Gewinner des Deutschen Kinderfilmpreises von Gera. Für “Die Mitte der Welt” wurde Andreas Steinhöfel mit dem “Luchs 1998″ und dem “Buxtehuder Bullen” ausgezeichnet sowie für den Deutschen Jugendliteraturpreis 1999 nominiert. Auch “Defender – Geschichten aus der Mitte der Welt” stand 2002 auf der Nominierungsliste.

Für Rundfunk und Fernsehen schrieb Andreas Steinhöfel unter anderem ca. 40 Folgen des “Käpt’n Blaubär Club” (1993/94 für WDR/ARD) und 5 Folgen der 26-teiligen Kinderserie “Urmel aus dem Eis” (1994 für WDR/ARD).

Der Preis soll am 7.März 2009 in München überreicht werden. Erst vier Preisträger wurden seit 1979 ausgelobt. Steinhöfels Vorgänger waren Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und Tomi Ungerer.

Links: – Portrait Andreas Steinhöfels in der ZEIT

- Andreas Steinhöfels Bibliographie

- Andreas Steinhöfels Blog

- über mein Lieblingsbuch aus seinem Werk

Vogelnest

Die Olympischen Spiele unter den gegebenen Bedingungen in China auszutragen, ist ein eklatanter Fehler. Dennoch ist eines kaum in Abrede zu stellen: Das sogenannte “Vogelnest”, das nationale Olympia-Stadion, ist ein großartiger architektonischer Wurf.

Zauberhaftes Schauspiel

Beluga-Wale im Aquas – Aquarium in Hamada/Japan (700 km südwestlich von Tokio) bezaubern ihr Publikum mit Unterwasser-Luftblasen. Scuba-Taucher haben sie dieses eindrucksvolle Kunststück gelehrt.


Die Schatten der Seele

Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: welche kommen der Wahrheit näher? Ist es so klar, dass es die eigenen sind ? Ist einer für sich selbst eine Autorität ?

Doch das ist nicht wirklich die Frage, die mich beschäftigt. Die eigentliche Frage ist: Gibt es bei solchen Geschichten überhaupt einen Unterschied zwischen wahr und falsch ? Bei Geschichten über das Äußere schon. Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen ? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt ? Ist die Seele ein Ort von Tatsachen ? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichten ?

aus: Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

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Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon
Roman

Groß war der heuchlerische Aufschrei einiger Verantwortlicher beim IOC genauso wie bei den Journalisten wegen der Blockade China-kritischer Webseiten: Jeder hat von vornherein wissen können und müssen, dass es eine unbehinderte, unzensierte Arbeitsmöglichkeit für die schreibende Zunft auch während der Olympischen Spiele in Peking nicht geben würde. So weit ist die chinesische Politik noch nicht. Immerhin wurde die Zensur mittlerweile leicht gelockert.

Schamhaft verschwiegen wurde bislang allerdings, welche Zensurmaßnahmen das Internationale Olympische Komitee selbst durchführt: die teilnehmenden Athleten werden gezwungen, sich während der Spiele an strikte Sprachregelungen im Umgang mit Journalisten zu halten. Gleichzeitig ist ihnen verboten, in irgendeiner Form journalistisch tätig zu sein. Selbst das Bloggen ist untersagt. Verweigerung einer entsprechenden Selbstverpflichtung kann mit Ausschluß von der Olympia-Teilnahme geahndet werden.

Recherchen des SWR-Magazins “Report Mainz” deckten diesen skandalösen Sachverhalt auf. Mehr dazu auf der Website swr.de .

Sarrazins Gedankenblitze

Es gibt eine Reihe von Politikern, denen es gelungen ist, sich durch eine unbedachte Äußerung sehr schnell ins Abseits zu manövrieren. Thilo Sarrazin, SPD-Finanzsenator in Berlin, arbeitet noch Fleiß daran.

Schon vor einigen Wochen provozierte er mit seiner Äußerung zum Thema Mindestlohn, er sei jederzeit bereit für fünf Euro zu arbeiten (von einem Einkommensverzicht seinerseits ist allerdings noch immer nichts verlautbart worden). Dann ließ er ausrechnen , dass man eine Familie mit vier Euro täglich gesund und ausreichend ernähren könne – für diesen “Hartz-IV-Speiseplan” hat er sich später entschuldigt.

Seine neuesten Überlegungen – zum Problem der Energiekosten-Finanzierung für einkommensschwache Haushalte – lassen den Begriff “Unverfrorenheit” in ganz neuem Licht erscheinen. Möglicherweise von sommerlichen Temperaturen irregeleitet, lautet seine Lösung für die kalte Jahreszeit: in den aus Geldmangel ungeheizten Wohnungen dicke Pullover tragen – dann könne man auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben.

Der Begriff “soziale Kälte” erhält damit durch Senator Sarrazin eine ganz neue Dimension. Angesichts der eklatanten Preissteigerungen für Heizöl, Strom und Gas ist sein “Ratschlag” nicht mehr als eine Verhöhnung der Bedürftigen.

Sarrazin hat damit hoffentlich einen entscheidenden Schritt ins politische Aus getan.

Potts – Mania

Feuchte Augen und wohlige Schauer beim TV-Zuschauer während des Werbeblocks zu erzeugen: das schafft derzeit die Deutsche Telekom mit ihrem Spot über den tenoralen Sänger Paul Potts. Da steht – während einer britischen Casting-Show – von der Jury belächelt ein (Verzeihung !) häßliches Entlein auf der Bühne, das sich bei den ersten Tönen in einen wunderschönen Schwan verwandelt.

Dieser Schwanengesang eines musikalischen Underdogs, der sich seine Leidenschaft zu singen teuer und entbehrungsreich finanziert hat, rührt ein Massenpublikum, das die Darbietung in einer Mischung aus Faszination und bildungsbedingter Fehleinschätzung für eine sängerische Meisterleistung hält, obwohl all die Jahre der stimmlichen Ausbildung nicht mehr erzeugt haben als die gehobene gesangliche Fähigkeit eines Hobbytenors.

Doch die Folgen des Casting-Auftritts waren gewaltig. Neben dem Preisgeld in Höhe von rund 125000 Euro erhielt Handyverkäufer Paul Potts einen mit rund 1,25 Mio Euro dotierten Plattenvertrag. Dass dieser Vertrag ausgerechnet von der Sony Bertelsmann Music Group angeboten wurde, ist keine Überraschung: seit Jahrzehnten liegt die einstmals bedeutende Klassikabteilung (mit den ehemals renommierten Labels CBS, RCA und Eurodisc) am Boden. Der letzte größere Umsatzerfolg liegt gut 10 Jahre zurück: der Soundtrack zur “Titanic”-Verfilmung brachte 1997 ungewohnt hohe Marktanteile, da die Firmenstruktur Filmmusiken der Klassikdivision zuschlägt.

Das treffend betitelte Album “One Chance” mit der Arie “Nessun Dorma” aus Giacomo Puccinis Oper “Turandot“, die Potts den Wettbewerbssieg gebracht hatte, erschien 2007 und erreichte zum Teil erstaunliche hohe Chartplatzierungen. Doch erst mit dem Werbespot der Telekom wurde Paul Potts zum Massenphänomen, zum Medien-Hype, zum Gesprächsthema in der Familie, unter Nachbarn und unter Kollegen – zum Gesprächsthema von Menschen, die zur klassischen Musik sonst nicht die geringste Verbindung haben.

Nun meldet Media Control, das Marktforschungsunternehmen zur Ermittlung der Tonträger – Verkaufszahlen, dass “One Chance” die Nummer 1 der deutschen Album-Charts geworden ist (und Coldplay vom ersten Rang verdrängt hat). Gleichzeitig ist “Nessun Dorma” in den Single-Charts auf Platz 3 zu finden, obwohl als Tonträger gar nicht veröffentlich und nur im Download erwerbbar (eine Platzierung unter den Top 3 hat es für einen nicht im Handel erhältlichen Titel zuvor noch nie gegeben).

Erinnerungen werden wach an Andrea Bocelli, den blinden italienischen Tenor, der 1996 mit “Con te partiro” (”Time to say goodbye”) mit ähnlichen stimmlichen Eigenschaften eine Karriere zwischen Pop und Klassik startete, die ebenfalls deutlich mehr durch das persönliche Schicksal des Sängers beflügelt wurde als durch seine musikalischen Qualitäten. Es ist kein Zufall, wenn sich eben dieser Song auch auf Paul Potts’ Album wiederfindet.

Soll man dieses Spektakel um den Walliser Tenor nun eher begrüßen oder eher ablehnen ? Die eindeutige Antwort fällt sehr schwer.

Einerseits ist ein Erfolg dem Musiker zu vergönnen, der hart an sich gearbeitet hat und seinen Traum nie aus den Augen verlor (das ist das “vom Tellerwäscher zum Millionär”-Märchen) – ein Erfolg allerdings, der den verdienten Rahmen unzweifelhaft sprengt. Außerdem entsteht hier endlich wieder einmal der Kontakt zwischen dem Publikum und der sonst verschmähten, angeblich elitären klassischen Musik. Dass Klassik keine “ernste Musik” sein muss und auch ohne große musikalische Bildung Vergnügen bereiten kann, ist eine wichtige Einsicht, die auch z.B. jährlich von zig-tausenden Besuchern der Klassik-Open-Airs im Nürnberger Luitpoldhain (der größten Freiluft-Klassik-Veranstaltung in Europa) geteilt wird.

Andererseits wird den unbedarften Potts-Konsumenten suggeriert, eine musikalisch hochrangige Darbietung zu erleben, was die gebührende Wertschätzung für einen tatsächlich ernstzunehmenden klassischen Sänger verringert oder gar verhindert. Denn das Geld, das für eine solche minderwertige Produktion wie “One Chance” ausgegeben wurde, das wird der Potts-Käufer, der typischerweise zu den Klassik-Verweigerern gehört, so schnell für keine zweite, qualitativ hochwertige CD locker machen.

Diesen Hype um Paul Potts auszunutzen für die musikalische Erziehung der deutschen Bevölkerung, um die es schon während der Kindergarten- und Schulzeit schlecht bestellt ist, wäre Aufgabe für alle Medien, die sich noch einen Bildungsauftrag auf ihre Fahnen geschrieben haben. In der Presse sieht es dabei noch verhältnismäßig gut aus (es gibt immerhin eine Reihe von Tages- und Wochenzeitung mit einem sehr anspruchsvollen Feuilleton), beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen allerdings zeigt sich doch ein erheblicher Mangel (von den privaten Sendern ganz zu schweigen).

Es wäre eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe der Politik, die Bildungsgesellschaft zu fördern und dabei der kulturellen Erziehung einen hohen Rang einzuräumen. Dabei geht es nicht nur um Musik (und hier wiederum nicht nur um klassische Klänge – es mangelt genauso an der Vermittlung von Jazz oder Weltmusik, selbst von Pop), es bedarf ebenso der Kenntnisse zur Literatur, zur bildenden Kunst, zur Architektur. Das wird in diesen Zeiten, in denen jede Information im Web zur Verfügung steht, gern vergessen: dass Bildungshunger angefüttert werden muss.

Mag deshalb vielen Menschen das “Nessun dorma” von Paul Potts als Wissenshäppchen dienen, das Appetit machen könnte auf eine weitere Opernarie oder eine andere Komposition. All denen, die klassische Musik bereits lieben, sei vom Kauf der CD dringend abgeraten.

Status

Die Mehrzahl der Menschen ist so:

Macht man ihnen bescheiden Platz, so werden sie unverschämt.

Versetzt man ihnen aber Ellbogenstöße und tritt ihnen auf die Füße,

so ziehen sie den Hut.

Johann Nestroy (1801-1862)

CSU : Wahlkampf-Symbolik

In Nürnberg fand in den Messehallen vor mehr als einer Woche der Parteitag der CSU statt. Es war die große Einstimmung in den Wahlkampf, auch wenn nun – nach der Veranstaltung – genauso wenig abzusehen ist wie vorher, mit welchen Maßnahmen die Christsozialen glauben, ihr Wahlziel von 50% + X erreichen zu können.

Verzweiflung über das glück- und erfolglose Führungsduo Huber/Beckstein macht sich in der Partei immer stärker breit. Und als Verzweiflungstat ist wohl auch das Outfit des “Team Beckstein 08″ anzusehen.

Foto: ddp

Als Außenstehender fragt man sich, welche Symbolik sich hinter der Wahl dieser Wahlk(r)ampfbekleidung verbirgt. Folgende Interpretationsmöglichkeiten bieten sich an:

- Die CSU gerät immer mehr ins Schwimmen. Wo bleibt der Rettungsring ?

- Die CSU – Parteiführung: (fast) oben ohne !

- Weniger als 50% – und wir stehen nackt vor unseren Wählern !

- Bitte Badebekleidung anlegen ! In diesem Jahr steht uns das Wasser bis zum Hals.

- Liebe Christine Haderthauer: Ihr Kopf allein kann’s nicht richten. Die CSU braucht noch mehr Weib !

Wer sich im Vorwahlkampf nicht mit dem weiß-blauen Rauten-Oberteil begnügen mag, dem steht im Beckstein-Fanshop noch eine Auswahl weiterer Textilien zur Verfügung. Besonders gut gelungen ist das T-Shirt mit dem Leit-Spruch “Kick it like Beckstein”, dessen Schöpfer wohl vergessen haben , dass Namenspatron Beckham nur noch Drittliga-tauglich ist. Symbolik !

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