Feuchte Augen und wohlige Schauer beim TV-Zuschauer während des Werbeblocks zu erzeugen: das schafft derzeit die Deutsche Telekom mit ihrem Spot über den tenoralen Sänger Paul Potts. Da steht – während einer britischen Casting-Show – von der Jury belächelt ein (Verzeihung !) häßliches Entlein auf der Bühne, das sich bei den ersten Tönen in einen wunderschönen Schwan verwandelt.
Dieser Schwanengesang eines musikalischen Underdogs, der sich seine Leidenschaft zu singen teuer und entbehrungsreich finanziert hat, rührt ein Massenpublikum, das die Darbietung in einer Mischung aus Faszination und bildungsbedingter Fehleinschätzung für eine sängerische Meisterleistung hält, obwohl all die Jahre der stimmlichen Ausbildung nicht mehr erzeugt haben als die gehobene gesangliche Fähigkeit eines Hobbytenors.
Doch die Folgen des Casting-Auftritts waren gewaltig. Neben dem Preisgeld in Höhe von rund 125000 Euro erhielt Handyverkäufer Paul Potts einen mit rund 1,25 Mio Euro dotierten Plattenvertrag. Dass dieser Vertrag ausgerechnet von der Sony Bertelsmann Music Group angeboten wurde, ist keine Überraschung: seit Jahrzehnten liegt die einstmals bedeutende Klassikabteilung (mit den ehemals renommierten Labels CBS, RCA und Eurodisc) am Boden. Der letzte größere Umsatzerfolg liegt gut 10 Jahre zurück: der Soundtrack zur “Titanic”-Verfilmung brachte 1997 ungewohnt hohe Marktanteile, da die Firmenstruktur Filmmusiken der Klassikdivision zuschlägt.
Das treffend betitelte Album “One Chance” mit der Arie “Nessun Dorma” aus Giacomo Puccinis Oper “Turandot“, die Potts den Wettbewerbssieg gebracht hatte, erschien 2007 und erreichte zum Teil erstaunliche hohe Chartplatzierungen. Doch erst mit dem Werbespot der Telekom wurde Paul Potts zum Massenphänomen, zum Medien-Hype, zum Gesprächsthema in der Familie, unter Nachbarn und unter Kollegen – zum Gesprächsthema von Menschen, die zur klassischen Musik sonst nicht die geringste Verbindung haben.

Nun meldet Media Control, das Marktforschungsunternehmen zur Ermittlung der Tonträger – Verkaufszahlen, dass “One Chance” die Nummer 1 der deutschen Album-Charts geworden ist (und Coldplay vom ersten Rang verdrängt hat). Gleichzeitig ist “Nessun Dorma” in den Single-Charts auf Platz 3 zu finden, obwohl als Tonträger gar nicht veröffentlich und nur im Download erwerbbar (eine Platzierung unter den Top 3 hat es für einen nicht im Handel erhältlichen Titel zuvor noch nie gegeben).
Erinnerungen werden wach an Andrea Bocelli, den blinden italienischen Tenor, der 1996 mit “Con te partiro” (”Time to say goodbye”) mit ähnlichen stimmlichen Eigenschaften eine Karriere zwischen Pop und Klassik startete, die ebenfalls deutlich mehr durch das persönliche Schicksal des Sängers beflügelt wurde als durch seine musikalischen Qualitäten. Es ist kein Zufall, wenn sich eben dieser Song auch auf Paul Potts’ Album wiederfindet.
Soll man dieses Spektakel um den Walliser Tenor nun eher begrüßen oder eher ablehnen ? Die eindeutige Antwort fällt sehr schwer.
Einerseits ist ein Erfolg dem Musiker zu vergönnen, der hart an sich gearbeitet hat und seinen Traum nie aus den Augen verlor (das ist das “vom Tellerwäscher zum Millionär”-Märchen) – ein Erfolg allerdings, der den verdienten Rahmen unzweifelhaft sprengt. Außerdem entsteht hier endlich wieder einmal der Kontakt zwischen dem Publikum und der sonst verschmähten, angeblich elitären klassischen Musik. Dass Klassik keine “ernste Musik” sein muss und auch ohne große musikalische Bildung Vergnügen bereiten kann, ist eine wichtige Einsicht, die auch z.B. jährlich von zig-tausenden Besuchern der Klassik-Open-Airs im Nürnberger Luitpoldhain (der größten Freiluft-Klassik-Veranstaltung in Europa) geteilt wird.
Andererseits wird den unbedarften Potts-Konsumenten suggeriert, eine musikalisch hochrangige Darbietung zu erleben, was die gebührende Wertschätzung für einen tatsächlich ernstzunehmenden klassischen Sänger verringert oder gar verhindert. Denn das Geld, das für eine solche minderwertige Produktion wie “One Chance” ausgegeben wurde, das wird der Potts-Käufer, der typischerweise zu den Klassik-Verweigerern gehört, so schnell für keine zweite, qualitativ hochwertige CD locker machen.
Diesen Hype um Paul Potts auszunutzen für die musikalische Erziehung der deutschen Bevölkerung, um die es schon während der Kindergarten- und Schulzeit schlecht bestellt ist, wäre Aufgabe für alle Medien, die sich noch einen Bildungsauftrag auf ihre Fahnen geschrieben haben. In der Presse sieht es dabei noch verhältnismäßig gut aus (es gibt immerhin eine Reihe von Tages- und Wochenzeitung mit einem sehr anspruchsvollen Feuilleton), beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen allerdings zeigt sich doch ein erheblicher Mangel (von den privaten Sendern ganz zu schweigen).
Es wäre eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe der Politik, die Bildungsgesellschaft zu fördern und dabei der kulturellen Erziehung einen hohen Rang einzuräumen. Dabei geht es nicht nur um Musik (und hier wiederum nicht nur um klassische Klänge – es mangelt genauso an der Vermittlung von Jazz oder Weltmusik, selbst von Pop), es bedarf ebenso der Kenntnisse zur Literatur, zur bildenden Kunst, zur Architektur. Das wird in diesen Zeiten, in denen jede Information im Web zur Verfügung steht, gern vergessen: dass Bildungshunger angefüttert werden muss.
Mag deshalb vielen Menschen das “Nessun dorma” von Paul Potts als Wissenshäppchen dienen, das Appetit machen könnte auf eine weitere Opernarie oder eine andere Komposition. All denen, die klassische Musik bereits lieben, sei vom Kauf der CD dringend abgeraten.